Ergebnisse des Mini-Workshops: Let’s get political! Digitale Teilhabe von Kindern und Kinderrechte als netzpolitisches Thema (Nele Heise)

Auf der re:publica hat ein Thema von Beginn an (und nach wie vor) einen besonderen Stellenwert: Netzpolitik. Deshalb war es ein Anliegen unserer Session, auch die Frage zu stellen, was Kinderrechte und im Besonderen die Beteiligung von Kindern eigentlich mit netzpolitischen Themen zu tun hat.

In der Gesprächsgruppe ging es dabei zunächst um den grundsätzlichen Aspekt, wie und nach welchen Maßstäben wir die Kommunikation von Kindern über Netzkanäle bewerten, als Erwachsene, und inwieweit Kinder im digitalen Zeitalter nicht ein grundlegendes Recht auf Netzkommunikation haben (sollten).
Hier wurde insbesondere die Beschränkung der Nutzung digitaler Kanäle (vielleicht sogar Exklusion von Kindern?) durch uns Erwachsene – oder die Plattformanbieter selbst – herausgestellt. Zum einen hinsichtlich der Frage, inwieweit spezielle Apps für Kinder, als „Schutzräume“ gedacht, den Bedarfen, Wünschen und dem Nutzungsalltag von Kindern entsprechen. Eine weitere Art der Beschränkung bestimmter Netzräume, die Altersfreigabe, wurde ebenfalls kritisch diskutiert. Sie sei zwar ein bequemer und gerade für Eltern, die selbst wenig Erfahrung mit einzelnen Diensten haben, oft einziger Bewertungsindikator.
Allerdings sei oft gar nicht klar, auf welchen Kriterien Altersfreigaben fußen (US-Rechtsnormen?), oder anhand welcher Maßstäbe und Informationen die „Kinder(nicht)tauglichkeit“ bestimmter Anwendungen beurteilt und Empfehlungen für Eltern ausgesprochen werden. Im Grunde bedeutet die strenge Befolgung von Altersfreigaben eben den kompletten Ausschluss von Kindern (und teilweise Jugendlichen) aus den gängigsten und populärsten Diensten (ganz abgesehen davon, dass die faktische Nutzung, ähnlich wie etwa bei Games, sicher ganz anders aussieht).
Das aber stehe in einem gewissen Widerspruch zu einem zentralen Anspruch von Bildung und pädagogischen Ansätzen, Kindern Handlungs- und Erfahrungsräume und damit Emanzipation zu ermöglichen.
Zugleich stellt sich immer die Frage, wie Erwachsene mit ihrer besonderen Verantwortung und Rolle gegenüber Kindern umgehen – und das nicht nur im Sinne des Schutzes, sondern auch in Bezug auf ihre Deutungshoheit über Rahmenbedingungen, Grenzen und Zulässigkeit der digitalen Teilhabe von Kindern.
Ein weiteres, eng mit netzpolitischen Debatten verknüpftes Diskussionsthema war die Überwachung kindlicher Netzkommunikation. Und zwar weniger durch Anbieter, Staaten o. Ä., sondern durch Eltern selbst. Dies, so eine Befürchtung in der Runde, könne mitunter eine Gewöhnung an die kontinuierliche Störung von Privatsphäre bedeuten. Auch hier war den Diskussionsteilnehmenden nur bedingt klar, wie gerade Kinder mit elterlicher Überwachung umgehen und ob sie manch gut gemeintes Handeln von Erwachsenen ggf. als entmündigend erleben. Gerade digitale Mündigkeit ist in den letzten Jahren ja auch ein Schlagwort netzpolitischer Debatten geworden – vielleicht bieten sich hier Ansatzpunkte, überwachendes Handeln in gemeinsames Erleben der digitalen Welt zu wandeln.
Dass beide, Kinder und Eltern, davon profitieren könnten, betonten viele in der Runde. Sei es in Form der gegenseitigen Kompetenzschulung, einem Austausch über mit digitalen Medien gemachte Erfahrungen und damit verbundene (Wert)Vorstellungen usw. All dies sollten wir als Teil des Diskurses über digitale Kinderrechte und das Recht von Kindern, auch mit Blick auf ihre Netzkommunikation gehört zu werden, verstehen.
Auf die Frage, wo und in welcher Form Kinder das Netz als Partizipationsraum bereits aktiv nutzen, kam schnell die Antwort: in Klassenchats. Dort werden Regeln ausgehandelt und zumeist selbstbestimmt von den Kindern gesteuert, Verstöße sanktioniert (wobei auch hier überdacht werden könnte, welche Alternativen zu Facebook, WhatsApp & Co. dafür genutzt werden können). Die Vergangenheit hat zudem gezeigt, dass sich ältere Kinder und Jugendliche tatkräftig für netzpolitische Anliegen engagieren (siehe etwa die ACTA-Debatte im Jahr 2012 oder aktuelle Aktionen gegen die Abschaffung der Netzneutralität in den USA). Auch wenn sie noch selten sind: dies wären ja im Grunde gute Anlässe, um Kinder in demokratisches Handeln einzubeziehen bzw. ihre Positionen überhaupt erst einmal anzuhören.
Damit verbunden war die Überlegung, welche bestehenden Beteiligungsformate und -projekte, die sich bisher an Erwachsene richten, auch für Kinder zugänglich gemacht werden könnten. Denkbar wären z. B. kinderfreundliche Varianten von Plattformen wie Abgeordnetenwatch oder fragdenStaat. Neben (neuen) digitalen Kanälen spielt natürlich auch die offline stattfindende, kontinuierliche Beteiligungsarbeit – und zwar nicht nur in Schulen oder im Kontext von Medienbildung – eine entscheidende Rolle, wenn es um die Stärkung digitaler Teilhabe, Beteiligung an vernetzten Öffentlichkeiten und die Auseinandersetzung mit Netzpolitik geht (als Beispiel wurde hier die Initiative „Jugend Raum Geben“ der Stadt Wolfsburg genannt).
Insgesamt schwang bei allen Diskussionspunkten die Erkenntnis mit, dass wir im Grunde viel zu wenig darüber wissen, welche Meinungen und Antworten Kinder auf netzpolitische Fragen haben, welche Netzräume sie wünschen und brauchen, oder wie sie ihre digitale Zukunft gestalten möchten. Ein großer Wunsch, den wohl alle unterschreiben konnten: macht mehr Forschung, partizipativ, mit Kindern! Denn da gibt es viele Wissenslücken, zu deren Schließung vor allem wir Erwachsene aufgefordert sind.
Letzten Endes müssen wir alle uns wohl verstärkt die Frage stellen, welchen Platz wir Kindern in netzpolitischen Debatten zugestehen, und welche netzpolitischen Themen wir auch explizit als Themen verstehen, zu denen Kinder Perspektiven beizutragen haben und legitimer Weise gehört werden sollten. Als Denkstütze dient möglicherweise ein leicht angegrauter Spruch, in neuem Gewand: Wir haben das Netz nicht von unseren Eltern geerbt, sondern von unseren Kindern geliehen.

P. S. Abschließend ein persönlicher Eindruck – oder vielmehr eine Frage, die sich mir im Laufe der re:publica, in Gesprächen und bei der Beobachtung des Geschehens aufdrängte: welche Rolle spielen Kinder ganz generell in unseren digitalen Erwachsenenkreisen, speziell bei diesem „Klassentreffen“ verschiedenster Akteure aus dem Netz? Als Zielgruppe von Bildung werden sie sicher häufig mitgedacht.
Seit Jahren steigen außerdem die Angebote für Kinder auf der Veranstaltung, die 2018 auch erstmals um ein familiäres ‚Netzfest‘ im Park ergänzt wurde.
Bespaßen können wir die rp-Kids also mittlerweile ganz gut – aber wie ist das mit dem aktiv einbeziehen, der Auseinandersetzung? Eigentlich gibt es da doch viel Potenzial, den Menschen, über deren zukünftigen Netzraum wir dort diskutieren, Gehör zu schenken.
Ich persönlich würde das sehr begrüßen.